Reproduktionen und Fälschungen antiker Möbel

Kaum ein Thema erregt die Gemüter der Liebhaber antiker Möbel so sehr, wie Reproduktionen, kurz Repro genannt. Für die einen sind es plumpe Fälschungen, für andere je nach Qualität moderner Historismus. Ist es möglich, hier ein objektives Urteil zu fällen?

Wichtig ist es, erst einmal zu definieren, was der Unterschied zwischen einer Fälschung und einer Kopie ist. Eine Kopie ist der Nachbau eines Originals, prinzipiell auch das was zu Zeiten des Historismus beliebt war, in denen gerade barocke und spätbarocke Stilmöbel entstanden. Eine Fälschung ist ebenso eine Kopie, allerdings eine die vorgibt ein Original zu sein, aus einer anderen Zeit zu stammen. Genau an diesem Punkt wird es interessant, denn Kopie und Fälschung unterscheiden sich im Grunde nur in der Art und Weise in der sie beworben und verkauft werden, nicht in der Qualität oder dem Erscheinungsbild. Jede Fälschung ist eine Kopie, aber nicht jede Kopie ist eine Fälschung.

Viele Reproduktionen sind nur lose an die Zeit angelegt und an moderne Einrichtungsbedürfnisse angepasst, da finden sich etwa sechs- oder achtschübige Kommoden im Barockstil, weil riesige, breite Schubladen von knapp einem Meter weniger praktisch sind als die doppelte Anzahl kleinerer Schubladen.

Was die Qualität angeht, ist die Spanne bei Repros erheblich größer als bei den antiken Originalen. Neben extrem günstigen und handwerklich stümperhaften Kopien die oft in hohen Stückzahlen per Container den Weg nach Europa finden und überwiegend aus Asien und Nordafrika stammen, gibt es auch in alter Tradition und ohne moderne Techniken gefertigte Kopien oder sogar Weiterentwicklungen antiker Möbel, deren Schöpfer das Prädikat „Ebonist“ eindeutig verdienen und die auch der größte Kritiker eigentlich mit dem Prädikat „moderner Historismus“ im besten Sinne versehen müsste. Sinniger Weise stammen die aus den gleichen Fertigungsländern wie die schlechten Billigkopien.

Wie sieht es mit dem Preis und Wiederverkaufswert aus? Die qualitativ ganz schlechten Kopien sind unschlagbar günstig, das es sich nicht um ein Original handeln kann, sieht selbst der Laie, meist sogar schon anhand von Fotos. Der Wiederverkaufswert dieser Objekte ist nahe Null zu sehen. Nachbauten mittlerer Güte sind oft erstaunlich teuer, etwas günstiger als aufwendig restaurierte Originale, aber deutlich teurer als gut erhaltene, unrestaurierte „echte“ Stücke. Auch hier dürfte der Wiederverkaufswert dem moderner Möbel entsprechen. Zu deutsch: Wenn jemand 100€ auf den Tisch legt und das Möbel selbst abholt oder abholen lässt, darf man froh sein, weil die Sperrmüll Entsorgungskosten gespart sind. Richtig spannend wird es bei den wenigen absolut hochwertigen Reproduktionen, bei denen jemand mit- oder sogar weitergedacht hat. Der Markt ist hier noch viel zu kleine, um Prognosen zu wagen, aber das ein Stück wie etwa dieses hier in 50 Jahren eine erhebliche Wertsteigerung erfährt, ist durchaus denkbar.

Wer sich tiefer in die Materie einarbeiten möchte, um Reproduktionen und auch Umbauten aus alten Teilen sicher erkennen zu können, dem sei das Standardwerk von Martin Marquardt  empfohlen. Das Buch erfordert etwas Vorwissen, schildert aber unglaublich detailliert und mit vielen Fotos, worauf zu achten ist.

2 Gedanken zu „Reproduktionen und Fälschungen antiker Möbel“

  1. Ein grosses Problem und schwer erkennbar sind meiner Meinung nach auch Umbauten. Gerade aus grossen Schränken die schwerer verkäuflich sind werden gerne kleinere Möbel zusammengeschustert, oft sehr stümperhaft, mit Nägeln, Schrauben, Weißleim und Industrielack. Die Teile sind alt, nur das Möbel ist dann nicht original. Für Endkunden ist das kaum erkennbar, wenn sie nicht ganz genau hinsehen.

    Auch Ergänzungen werden gerne mal verschwiegen, es wird fleißig repariert, optisch schön angepasst, nur ist das ebenfalls kein Original.

    Das finde ich fast noch schlimmer als die kompletten Neubauten, denn der Kunde hat ohne genaue Untersuchung kaum Chancen, das zu entdecken.

    Gruß aus Bonn, Horst

    1. Hallo Horst,

      Sie haben völlig recht, teils wird sogar aus alten Sägefurnieren und altgelagertem Holz komplett neu gebaut. Danke für die Ergänzung!

      Soweit mir bekannt darf aber bis zu einem Drittel ersetzt werden, ohne dass die Deklaration als Original irreführend wäre. Sagen wohl zumindest die Juristen, wobei meiner Meinung nach immer auf Ergänzungen hingewiesen werden sollte.

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